Mittwoch, Oktober 16, 2019

Die Entzauberung der Welt - Neil Youngs "Sugar Mountain - live at Canterbury House, 1968".

2008 war wieder mal ein Jahr der „alten Säcke“. „Die Jungen“ konnten – mit wenigen Ausnahmen – nicht so richtig punkten. My Morning Jacket haben sich etwas in den eigenen Ambitionen verrannt und dabei das eigentliche Ziel aus den Augen verloren. Blitzen Trapper konnten wieder kein durchweg gelungenes Album hinkriegen. Beide Bands kranken ein bisschen an der eigenen Musikalität und Stilvielfalt, wo die Charttopper flach und beliebig bleiben. Umso faszinierender ist da ein Tondokument des unfassbar jungen Neil Young. Der Mann war tatsächlich mal 23! Und das kann man auf Sugar Mountain auf positive Weise hören. Neil der Wortkarge, der lieber eine Ansage runterschluckt als eine zuviel raushaut, plaudert hier noch munter aus der Schule. Das ist einerseits recht erfrischend und lustig, weil er drüber schwadroniert, wie er Mr Soul in fünf Minuten schrieb, einen Job im Buchladen wegen der „Diätpillen“ seiner Freundin verlor oder dass keine fröhlichen Songs hat. So kannte man den kanadischen Büffel bislang nicht. Vor allem nicht als sog. „Nachgeborener“, der 1968 auf gar kein Konzert gehen konnte, weil er noch geschlagene elf Jahre seiner Geburt harren musste. Und hatte man schon „Live at Massey Hall“ für einen intimen Konzertmitschnitt gehalten, wird man mit Sugar Mountain eines Besseren belehrt. Alles ist verhaltener, schüchterner, leiser. Ich wusste auch gar nicht, dass Neil seine Gitarre so leise schlagen kann. Und dass er schon damals so viele dermaßen gute Songs fertig hatte.
Andererseits stimmt es einen nachdenklich. Wieso wurde Young danach verschlossener und zog sich mehr und mehr zurück? Es muss das Business gewesen sein mit seinen Egos, leeren Versprechungen, hohlen Ideologien und Ellenbogen, das ihn in die Einsamkeit trieb. Ein Kauz sei er, sagt man heute. Dass er vielleicht nicht schon immer einer war und privat eventuell keiner ist, legt Sugar Mountain nahe. Nicht umsonst trägt das Album diesen Titel. Hier hört man einen Künstler, der dem Jugendalter eindeutig entwachsen, zugleich aber noch nicht verbittert ist. Die schweren Jahre liegen hier noch vor ihm. Zum Glück hat Neil es geschafft, diesen jungen Mann (der ja schon mit 23 den Verlust der kindlichen Unschuld besang, nämlich im Titelsong) in den harten Jahren als Erwachsener nicht aus den Augen zu verlieren. Er hat ihn verteidigt und bewahrt. Neil Youngs Musik ist immer ein Ankämpfen gegen korrodierende Kräfte. Rust never sleeps, warnte er. I’m still living the dream we had, sang er, for me it’s not over. Und von seinem Anwesen auf dem Berg ließ er uns wissen: Peace and love live there still.
Man versteht Neil Young besser, wenn man Sugar Mountain gehört und in Bezug zu seinen späteren Werken gesetzt hat. Nie mehr hat er so verzaubert musiziert. Die Entzauberung der Welt zollte ihren Tribut.

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